Die Geschichte der Universitäts- und Landesbibliothek

Die ULB ist eine junge Einrichtung mit großer Geschichte. Nach der Integration in die TU Darmstadt im Jahr 2000 erhielt sie 2004 ihren neuen Namen: Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Die Wurzeln unserer Bibliothek reichen hingegen weit zurück in die Vergangenheit.

Gründung

Portraitzeichnung des Landgrafen Georg I. von Hessen-Darmstadt
Bild: ULB Darmstadt
Landgraf Georg I. von Hessen-Darmstadt | Ein Porträt

1567 wurde Darmstadt die Residenz eines eigenständigen Fürstentums. In den nächsten mehr als 350 Jahren war das Schicksal der Bibliothek eng mit der Hofhaltung der hessischen Landgrafen und ihren literarischen und bibliophilen Interessen verknüpft.

Der neue Landesherr, Georg I. (1547-1596), brachte einige Bände aus Familienbesitz in das Darmstädter Schloss und ließ neue, vor allem theologische Publikationen erwerben. Einen großen Schub erlebte die Bibliothek unter seinem Enkel Georg II. (1605-1661) und seiner Ehefrau, der kunstsinnigen Sophie Eleonore von Sachsen (1609-1671). Mit ihr gelangten prachtvoll gebundene Bücher vom Dresdner Hof nach Darmstadt. Ihrem Einfluss ist es zu verdanken, dass 1644 mit dem Thesaurus picturarum eine bedeutende handschriftliche Wissenssammlung den Weg in die Bibliothek fand. Aus dem Erbe des Landgrafen Philipp III. von Hessen-Butzbach (1581-1643) stammen wertvolle naturwissenschaftliche Werke.

In barocker Zeit förderten Landgraf Ludwig VI. (1630-1678) und sein Sohn Ernst Ludwig (1667-1739) die Bibliothek: Mit den Büchern des Johann Michael Moscherosch wurde erstmals eine vollständige Gelehrtenbibliothek angekauft. Die Einrichtung von Räumen im Glockenbau des Schlosses und die Beschäftigung seines Sohnes Johann Balthasar Moscherosch als Bibliothekar sorgten für eine Professionalisierung und Konsolidierung. Verschiedene Erbfälle und Ankäufe einzelner Bibliotheken bereicherten bis zum Ende des Ancien Régime die Hofbibliothek und die privaten Bibliotheken der Fürstenfamilie.zur Erweiterung dieser Sammlung belegt. Über die Zusammensetzung der Bibliothek Georgs I. geben zwei heute noch erhaltene Kataloge mit Eintragungen aus den Jahren 1586 – 1595 Auskunft.

Diese Sammlung wurde planmäßig und systematisch vermehrt.

Blütezeit unter Ludwig X./I.

Den größten Aufschwung erlebte die Bibliothek unter dem Landgrafen Ludwig X. und späteren ersten Großherzog Ludwig I. von Hessen und bei Rhein (1753 – 1830). Geprägt durch die literarische Leidenschaft seiner Mutter, der Großen Landgräfin Karoline (1721-1774), die mit zahlreichen Geistesgrößen ihrer Zeit in engem Kontakt stand, erfasste ihn bereits als Erbprinz eine emsige Sammelleidenschaft. Ludwig verstand es, die günstigen Zeitumstände zu nutzen: Der vorübergehende Besitz Westfalens und die Säkularisation brachten umfangreiche Klosterbibliotheken mit wertvollen mittelalterlichen Handschriften nach Darmstadt. Über Westfalen konnte auch das Kölner Exemplar der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV., das heute zum Weltdokumenterbe der Erbe der UNESCO zählt, gewonnen werden. Ein Coup gelang mit dem Teilankauf der Sammlung des Kölner Barons Wilhelm Carl Adolf von Hüpsch (1730 – 1805), denn nach seinem Tod wurde Ludwig Gesamterbe der umfangreichen Bestände. Parallel zum Erwerb historischer Kulturgüter investierte der Großherzog zunehmend enorme Summen in den Erwerb moderner Literatur und legte damit den Grundstock für eine wissenschaftliche Universalbibliothek aller Fachgebiete. 1817 fiel die Trennung zwischen fürstlicher Privat- und Hofbibliothek: Die nun vereinigte Hofbibliothek öffnete sich für das Publikum. Der Bibliothekar Andreas Schleiermacher entwarf ein ausgeklügeltes Bibliographisches System der gesamten Wissenschaftskunde und verlieh der Bibliothek damit eine neue Ordnung, die noch heute in Teilen des Altbestands (sog. Schleiermacherkatalog) fortlebt.

Im 19. Jahrhundert wurde die Hofbibliothek konsequent ausgebaut. 1871 wurden die Großherzogliche Militärbibliothek und 1873 die Musikalien der Hofmusikbibliothek übernommen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1902) hatte die Darmstädter Bibliothek einen Bestand von 454.000 Bänden und zählte damit zu den neun größten Bibliotheken des Deutschen Reiches. 100 Jahre nach der Öffnung wurde sie 1917 in Hof- und Landesbibliothek umbenannt.

Hessische Landesbibliothek

Seit 1920 trug die Bibliothek nur noch die Bezeichnung Landesbibliothek. Sie übernahm einen Teil der großherzoglichen Kabinettsbibliothek, die Bibliothek des Landestheaters und 1931 die Bibliothek des Hessischen Gewerbemuseums. Auf diesem Wege gelangte auch die Patentschriftenauslegestelle (heute: Patent und Markenzentrum Rhein-Main) ins Schloss. Als Dauerleihgabe kam 1922 die Freiherrlich von Closen-Günderrodische Fideikommiß-Bibliothek aus Höchst an der Nidder in die Landesbibliothek, überwiegend Schriften des 16. – 18. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt auf theologischer, historischer, rechts- und staatswissenschaftlicher Literatur. Im Jahr 1958 ging die Sammlung dann endgültig in den Besitz der Bibliothek über.

Unter den Darmstädter Bibliothekaren erzielte vor allem Adolf Schmidt mit Forschungen zur Einband- und Bestandsgeschichte über Darmstadt hinaus Beachtung. 1930 brach Hanns W. Eppelsheimer (Direktor 1929 – 1933) die alte systematische Aufstellung ab und ging zur mechanischen Aufstellung über. Für Werke ab dem Jahr 1901 ersetzte er das inzwischen veraltete System Schleiermachers durch einen neuen Sachkatalog nach der von ihm entwickelten und an der Stadtbibliothek Mainz bereits erprobten Methode. Nach Jahren der Enge brachten die 1920er Jahre die lang ersehnte bauliche Erweiterung. Nach dem Umzug des Museums in den Neubau Messels am Herrengarten und der Übernahme des Schlosses durch den Volksstaat Hessen wurde seit 1919 der Schlossumbau geplant. In Etappen wurden 1926, 1931 und 1932 die jeweils im Stil ihrer Zeit gestalteten neuen Räume der Öffentlichkeit übergeben.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

1933 erlebte Eppelsheimer als Gastgeber des Deutschen Bibliothekartags die Gleichschaltung und Andienung der Bibliothekare an das NS-Regime. Kurze Zeit später wurde er aus politischen Gründen entlassen und durch einen nationalsozialistischen Aktivisten ohne Bibliothekserfahrung ersetzt. Im Unterschied zu öffentlichen Büchereien beteiligten sich die wissenschaftlichen Bibliotheken meist nicht an den Bücherverbrennungen des NS-Staates. Verbotene Bücher wurden gekennzeichnet und sekretiert, aber nicht vernichtet. Die Bibliothek erwarb nationalsozialistische Literatur, die zuvor kaum im Bestand vorhanden war. Beschlagnahmte Bücher gelangten über die Reichstauschstelle in die Landesbibliothek, daneben sind auch andere Wege der Übernahme von NS-Raubgut wahrscheinlich. Eine Aufarbeitung der Bestandsgeschichte wird durch die enormen Kriegsverluste der Bibliothek erschwert. In der Nacht vom 11./12. September 1944 wurde die Bibliothek im Bombenangriff der Royal Airforce ein Raub der Flammen. Über 50 % der Bestände (ca. 400.000 von 720.000 Bänden) verbrannten in der Ruine des Schlosses. Ein Teil des Altbestandes, außerdem Handschriften und andere Zimelien konnten durch Auslagerungen gerettet werden. Vor Ort wurden die neuere Literatur und der Bestand der Lesesäle nahezu vollständig zerstört. Erhalten blieb hingegen die sekretierte Verbotsliteratur, die in besonders befestigten Räumen aufbewahrt worden war.

Die Hessische Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt (LHB)

Ein ähnliches Schicksal erlitt die 1872 gegründete Bibliothek der damaligen Technischen Hochschule. Sie wurde um zwei Drittel ihres Bestandes dezimiert (ca. 80.000 von 120.000 Bänden). Die Landesregierung vollzog daher 1948 die Zusammenlegung beider Bibliothekstrümmer und den Neuaufbau der „Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt“ (1948-1999). Die vereinigte Bibliothek behielt ihren traditionellen Standort im Neuschloss, das in Etappen bis 1958 wieder aufgebaut wurde. Bei ihrem Bestandsaufbau hatte die Bibliothek in den Nachkriegsjahren drei Aufgaben zu erfüllen: Im Mittelpunkt standen neben der Ergänzung der durch Kriegseinwirkungen entstandenen Lücken die Erwerbung der wichtigsten ausländischen Literatur aus der Kriegs- und Vorkriegszeit sowie der laufende Ankauf von Neuerscheinungen des In- und Auslandes. Gerade in den Jahren des Wiederaufbaus wurden in großem Umfang Behörden-, Schul- und Privatbibliotheken übernommen sowie antiquarische Käufe getätigt. Auf diesem Wege gelangte auch NS-Raubgut in die Bibliothek, dessen Identifizierung noch andauert. Nach der Auflösung des Offenbach Archival Depots, in dem die amerikanische Militärregierung die Raubgutbestände und Bibliotheken der NS-Organe zur Erfassung und Restitution gesammelt hatte, wurden die offenen Restbestände als Treuhandbesitz unter anderem an die Hessische Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt abgegeben.

In zentraler Lage im Schloss wurde die LHB zu einer festen Größe des Darmstädter Kulturbetriebs. Lesungen und Ausstellungen, aber auch musikalische Veranstaltungen im Kuppelsaal des Schlosses erzeugten große Aufmerksamkeit und breite Resonanz in der Bevölkerung. Für die Technische Hochschule übte sie die Funktion einer Zentralbibliothek aus, die von einer je nach Fachkultur kleineren oder größeren Anzahl von Instituts- und Seminarbibliotheken unterstützt wurde. Die Bibliothek erhielt 1971 mit der Einrichtung einer Zweigbibliothek auf dem vom der Technischen Hochschule neu gegründeten Campus Lichtwiese einen zusätzlichen Standort. Ausgerichtet war die Zweigbibliothek in ihren Beständen auf die dort angesiedelten Fachbereiche und Fachgebiete.

Auf Dauer erwiesen sich die Kapazitäten der beiden Standorte als nicht ausreichend. 1989 wurde das Patentinformationszentrum (PIZ, heute Patent- und Markenzentrum Rhein-Main) in ein Gebäude der Fachhochschule ausgelagert. Die Theatergeschichtliche Sammlung sowie die Kartensammlung konnten 1993 in das neu eingerichtete Haus der Geschichte (Mollerbau) am Karolinenplatz umziehen. Der Auszug des Staatsarchivs ermöglichte den Umbau des Ostflügels. Seit 1997 stand hier ein größerer Lesesaalbereich und ein Zeitschriftenfreihandmagazin zur Verfügung. Die 1990er Jahre waren durch die Umstellung vieler Bereiche der Bibliothek auf die Verfahren der elektronischen Datenverarbeitung geprägt.

Integration in die Technische Universität Darmstadt

Die Hessische Landes- und Hochschulbibliothek wurde im Jahr 2000 als zentrale Einrichtung in die Technische Universität Darmstadt integriert. Dies eröffnete neue Perspektiven der Zusammenarbeit im universitären Bibliothekssystem. Die Bibliotheken von vier Fachbereichen konnten im Zuge dessen zu Teilbibliotheken zusammengefasst und damit das Leistungsangebot für die Fachbereiche weiter ausgeweitet werden.

Im Jahr 2004 änderte die Bibliothek ihren Namen in „Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt“ (ULB) und bekam ein neues Logo, das die Integration in die TU auch visuell widerspiegelte. Die Zugehörigkeit wurde so auch in der Namensgebung vollzogen und die Funktion als zentrale Universitätsbibliothek manifestiert. 2006 wurde das Archiv der Technischen Universität, die zentrale Gedächtniseinrichtung der TU Darmstadt und ihrer Vorgänger seit 1836, organisatorisch ein Bestandteil der ULB. Mit dem Hessischen Bibliotheksgesetz wurden 2010 die Aufgaben als wissenschaftliche Bibliothek für Universität und Öffentlichkeit wie auch die landesbibliothekarischen Aufgaben fest umrissen.

Das Ziel der funktionalen Einschichtigkeit, das heißt der Integration der dezentralen Einheiten in eine leistungsstarke, moderne Bibliothek, konnte seit 2012 sukzessive realisiert werden. Innerhalb eines halben Jahres, am 12. November 2012 und am 27. Mai 2013, wurden an der TU Darmstadt zwei neue Bibliotheksgebäude eröffnet und die Bestände der vormals dezentralen Bibliotheken mit den Beständen der Zentralbibliothek zusammengeführt. Damit wurde der Weg frei gemacht für die Sanierung des Schlosses, in das nach Abschluss der Bauarbeiten ein dritter Bibliotheksstandort für geisteswissenschaftliche Fächer zurückkehren wird.