Eine Darmstädter Zeitung in drei Jahrhunderten - Digitalisierung des Darmstädter Tagblatts (1740 - 1986)

Das 1986 eingestellte Darmstädter Tagblatt ist eine der am längsten kontinuierlich herausgegebenen (Tages)zeitungen im deutschen Sprachraum und fungierte als wichtigstes Leitmedium in Darmstadt und der Region Südhessen.

Kurzbeschreibung

Diese „Nachrichten von gestern“ sind für die Forschung von heute interessant! Gleichzeitig sind die Originalausgaben wegen ihres Alters gefährdet. Das Papier ist von einfachster Qualität und jedes Umblättern in den gebundenen Bänden der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt muss sehr vorsichtig geschehen.

Daher hat die ULB – gemeinsam mit dem Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft der TU Darmstadt – die Initiative ergriffen, den Zugang zu dieser wichtigen Zeitung für Öffentlichkeit und Forschung zu erhalten und in digitaler Form zu verbessern.

Als erstes Forschungsprojekt wird in einem Team unter der Leitung von Prof. Marcus Müller mit einem Teil der Daten eine diskurslinguistische Studie zum Wandel des öffentlichen Risikokonzeptes 1850-1915 am Beispiel des Darmstädter Tagblatts durchgeführt.

Projektstatus

Erste Projektphase: abgeschlossen, 01.04.2019–28.02.2022

Zweite Projektphase: Antrag auf Förderung eingereicht

Das 1986 eingestellte Darmstädter Tagblatt war eines der ältesten Periodika und gehört zu den am längsten kontinuierlich herausgegebenen (Tages-)zeitungen im deutschen Sprachraum. Es fungierte als wichtigstes Leitmedium in Darmstadt und der Region Südhessen. Die unterschiedlichen Erscheinungsformen – angefangen mit dem wöchentlichen „Darmstädtischen Frag- und Anzeigungsblättgen“ – repräsentieren die Entwicklung und den Wandel der Presse von den frühen Anfängen bis hin zum Massenmedium des 20. Jahrhunderts.

Erscheinungsformen des Darmstädter Tagblatts mit Erscheinungsverlauf:

Darmstädtisches Frag- und Anzeigungs-Blättgen (1740–1785)

Darmstädtisches Frag- und Anzeigungs-Blatt (1785– 1803)

Darmstädtisches Frag- und Anzeige-Blatt (1803–1835)

Darmstädter Frag- und Anzeigeblatt (1835–1873)

Darmstädter Tagblatt (1874–1941; 1949–1986)

Aufgrund des deutlich regionalen Zuschnitts sind besonders die Ausgaben des 18. Jahrhunderts eine wichtige Quelle für die Landesgeschichte der alten Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Eine über längere Zeiträume etablierte Binnenstruktur mit gleichbleibenden Rubriken (z.B. Lebensmittelpreise) liefert serielle Daten als Grundlage für sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen. Das hier überlieferte wertvolle statistische Material steht nach der Digitalisierung nicht allein der Regionalforschung, sondern auch für vergleichende Studien zur Verfügung. In gleicher Weise können die Gäste- oder Passagierlisten, in denen die in Darmstadt übernachtenden auswärtigen Personen namentlich aufgeführt sind, in der Zusammenschau mit externen Quellen zur Erforschung frühneuzeitlicher Mobilität herangezogen werden.

Im 19. Jahrhundert fanden zunehmend Lokal- und Regionalnachrichten, aber auch feuilletonistische Inhalte, Eingang in das Blatt, bis 1874 der nachhaltige Wandel von Inhalt und Form zu einer modernen Tageszeitung mit dem Wechsel zum neuen Titel Darmstädter Tagblatt abgeschlossen wurde.

1941 wurde die Zeitung auf Anordnung der Reichspressekammer eingestellt. 1945 erhielt das “Darmstädter Echo” als erste Tageszeitung in Darmstadt nach dem Krieg eine Lizenz der amerikanischen Militärregierung und blieb bis zum Wiedererscheinen des Darmstädter Tagblatts 1950 die dominierende Zeitung in Südhessen. In den nächsten Jahrzehnten konkurrierten beide Zeitungen mit ähnlichen Angeboten auf dem engen Zeitungsmarkt der Region. Bis zur Einstellung des Tagblatts 1986 bietet die Zeitung eine erstrangige Quelle für die regionale Rezeption globaler Phänomene und Ereignisse wie auch für lokale Diskurse zu aktuellen Themen aus dem Rhein-Main-Gebiet.

In der ULB werden die Originale der Zeitung von Forschung und Öffentlichkeit stark nachgefragt, sind aber aufgrund ihres Alters und der Materialbeschaffenheit schwer handhabbar und nur mit Einschränkungen im Forschungslesesaal einsehbar.

Ziel ist die Digitalisierung und Präsentation des Darmstädter Tagblatts in einer hochwertigen digitalen Form nach aktuellen technischen Möglichkeiten und Maßgabe der FAIR Prinzipien. Der Text der Zeitung wird mithilfe einer neuen Klasse von Optical Character Recognition (OCR) Software, die auf Neuronalen Netzwerken beruht und „lernfähig“ ist, mit einem sehr hohen Maß an Genauigkeit erkannt und mit Strukturdaten kodiert.

Alle Daten, Images, bibliographische- Strukturdaten und Volltexte, werden zum Download und über Schnittstellen (REST, OAI-PMH) in verschiedenen Formaten zur Verfügung gestellt sowie langzeitarchiviert.

Erste Projektphase

Zunächst wurden die Jahrgänge 1740-1941 (bis zur zeitweiligen Einstellung im II. Weltkrieg) digitalisiert und über zwei Wege zugänglich gemacht:

  • TUdigit – Die digitalen Sammlungen der ULB: Hier können die Digitalisate bandweise eingesehen und vollständig gelesen werden.
  • ZEiD – Zentrum für digitale Editionen Darmstadt: Hier kann das Tagblatt nicht nur gelesen, sondern auch im Volltext durchsucht werden. Dafür wird der Text der Zeitungsseiten mit neuester Technik „erkannt“ und maschinenlesbar.

Das Projekt wurde auch auf dem 8. Bibliothekskongress Leipzig 2022 und in der Zeitschrift Information – Wissenschaft & Praxis (IWP bei De Gruyter Saur) vorgestellt.

Ausgewählte Jahrgänge werden am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft mit linguistischen Zusatzinformationen angereichert, die es z.B. ermöglichen gezielt nach Personennamen zu suchen.

Auf diese Weitse kann z.B. schnell eine Liste mit allen Bürgermeister:innen erstellt werden. Die Ergebnisse dieser Abfrage können in der Analysesoftware sortiert und gezählt werden, woraus eine Liste aller Bürgermeister:innen und die Anzahl ihrer Nennungen erstellt werden kann.

  • 1. Schäfer (30)
  • 2. Rückert (24)
  • 3. Kunz (19)
  • 4. Lorenz (16)
  • 5. Götz (14)
  • 6. Mueller (13)
  • 7. Schmidt (13)
  • 8. Weiskirchner (13)
  • 9. Becker (12)
  • 10 Geibel (12)

Zweite Projektphase

Die 2. Phase des Projektes soll die Jahrgänge 1949-1986 einschließen – vorausgesetzt, es werden weitere Fördergelder bewilligt. Damit wäre dann der vollständige Titel online verfügbar.

In Vorbereitung dieser zweiten Projektphase unternimmt die ULB derzeit eine umfassende Ermittlung von Urheberrechtsinhaber:innen. Für nicht gemeinfreie Werke wird eine kostenfreie Lizenzvereinbarung mit den Autor:innen, Fotograf:innen und Agenturen angestrebt, weshalb die ULB derzeit ehemalige feste und freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Darmstädter Tagblatts ausfindig zu machen versucht.

Wenn Sie zu diesem Personenkreis gehören oder aus anderen Gründen ein besonderes Interesse an diesem Projekt haben, schreiben Sie bitte an , damit wir Sie über den Projektfortschritt informieren können.

Kooperationspartner:innen

Prof. Dr. Marcus Müller, Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft, TU Darmstadt (Antragstellung)

Echo Medien GmbH

Förderung

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Erste Projektphase: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – Projektnummer 422840794