Keys_Nachlasserschließung

Geschichte des Nachlasses

Nach seinem Tod betreute Keyserlings Witwe, Goedela Keyserling geb. von Bismarck-Schönhausen (1896-1981) den Nachlass zunächst in Innsbruck und führte wesentliche Nachlassteile zusammen, die an verschiedenen Orten ausgelagert wurden, als Keyserling im Jahr 1939 wegen befürchteter Maßnahmen der Nationalsozialisten überstürzt Darmstadt verließ. Ein großer Teil des Nachlasses verbrannte allerdings in der Darmstädter Brandnacht im September 1944 zusammen mit dem Wohnhaus der Familie auf der Darmstädter Mathildenhöhe.

Goedela Keyserling schrieb – geübt im Entziffern der komplizierten Handschrift – zahlreiche Briefe und Manuskripte ab und veröffentlichte u.a. Keyserlings letztes Hauptwerk „Das Buch vom Ursprung“, das im nationalsozialistischen Deutschland nicht erscheinen durfte, und drei Bände seiner Autobiographie. Durch weitreichende Kontakte gelang es ihr auch, Originalbriefe von Keyserling für den Nachlass zurückzugewinnen oder abzuschreiben. Im Jahre 1965 nahm sie das Angebot der Stadt Darmstadt an, mit dem Nachlass von Innsbruck nach Darmstadt überzusiedeln, wo die Stadt ihr eine Wohnung für die Fortsetzung ihrer Arbeit zur Verfügung stellte.

Mit dem Tod der Gräfin im Jahre 1981 ging der Hermann-Keyserling-Nachlass in das Eigentum der Stadt Darmstadt über. Diese übergab ihn als Depositum der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Das Bibliothekspersonal konnte bei dem weitgehend ungeordneten Zustand des Bestandes nur unbefriedigende oder unvollständige Auskünfte auf Anfragen geben. Benutzer, die einen Einblick in die Materialien erhalten hatten, machten immer wieder auf ihre Bedeutung und die Dringlichkeit einer Katalogisierung aufmerksam. Da eine Erschließung aus bibliothekseigenen Kräften nicht durchgeführt werden konnte, beantragte der damalige Direktor Dr. Haase Anfang der 90er Jahre bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit Erfolg Mittel aus dem Förderprogramm des wissenschaftlichen Bibliothekswesens für eine Erschließung

Die Erschließung des Nachlasses

Wohnhaus der Keyserlings in Darmstadt
Wohnhaus der Keyserlings in Darmstadt auf der Mathildenhöhe

Mit der wissenschaftlichen Erschließung des Nachlasses wurde Dr. Ute Gahlings betraut. Mit den Fächerschwerpunkten Philosophie, Literaturwissenschaft und Psychologie und einer Promotion über Keyserling konnte sie umfangreiche Kenntnisse zu Leben und Werk des Nachlassers in die Arbeit einfließen lassen. Die Bibliothek stellte stundenweise Beschäftigte für Recherche-, Beschriftungs- und Zählarbeiten zur Verfügung, wobei insbesondere die Diplom-Bibliothekarin Frau Ute Schäffer engagiert war. Außerdem war Frau Christel Heinrich-Espe vom Verein Ehrenamt für Darmstadt e.V. als Hilfe speziell zur Entzifferung schwieriger Schriften tätig. Die Buchbinderei und die Restaurierwerkstatt haben projektbegleitend umfangreiche Maßnahmen zur Bestandserhaltung und Nutzungsmöglichkeit vorgenommen.

Während der Projektarbeiten wurden die Manuskripte, die Briefe an und von Hermann Graf Keyserling und zahlreiche Briefkonvolute in Kernbereichen katalogisiert. Einzelne Nachlassbereiche, u.a. ein Kryptonachlass (Teilnachlass) zu Hermann Keyserlings Großvater Alexander (1815-1891), mussten zunächst wegen des großen Umfangs und der begrenzten Projektzeit ausgespart bleiben. Die wissenschaftliche Erschließung stellte aufgrund der überwältigenden Fülle von Materialien, des weitgehend ungeordneten Zustandes und der überaus komplizierten Handschrift des Philosophen eine große Herausforderung dar. Von 310 Nachlasskästen wurden Exponate im Umfang von ca. 130.000 Blatt aus 240 Kästen in eine allegro-HANS-Datenbank mit mehr als 8.000 Datensätzen erschlossen.

Die Bedeutung des Nachlasses

Die Keyserlings mit Rabindranath Tagore
Hermann und Goedela Keyserling mit Rabindranath Tagore

Der heute vorliegende Hermann-Keyserling-Nachlass ist außergewöhnlich umfangreich und gehört zu den materialreichsten deutschen Nachlaßsammlungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hier befinden sich Werk-, Vortrags- und Aufsatzmanuskripte, Tage- und Notizbücher, sogar Karikaturen und Zeichnungen des Philosophen. Die internationale Korrespondenz Keyserlings mit herausragenden Persönlichkeiten seiner Zeit ist für die Forschung eine wichtige Informationsquelle. Es gibt Briefe von und an Philosophen (Max Scheler, Wilhelm Dilthey, Georg Simmel, Henri Bergson u.v.a.m.), Psychologen (Sigm. Freud, C.G. Jung, Roberto Assagioli, Georg Groddeck u.a.), Schriftsteller (Thomas Mann, Rabindranath Tagore, Annette Kolb, Henry Miller, Hugo v. Hofmannsthal u.a.), Natur- und Geisteswissenschaftler (Carl J. Burckhardt, Albert Schweitzer, Leo Frobenius, Richard Wilhelm, Leo Baeck, Jakob v. Uexküll u.a.), Staatsmänner (Walter Rathenau, Friedrich Ebert, Albert Apponyi, Arthur James Balfour u.a.), bedeutende Frauen (Victoria Ocampo, Mechthilde Lichnowsky, Lou Andreas-Salome u.a.) sowie von und an zahlreiche weitere Persönlichkeiten aus Adel, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Es sind auch einige Dokumente über Keyserlings Widerstand gegen die Nationalsozialisten und die darauf folgenden staatlichen Maßnahmen (Rede-, Publikations- u. Ausreiseverbote) erhalten. Einige Sammlungen, u.a. Materialien zur „Schule der Weisheit“ und zur „Gesellschaft für Freie Philosophie“, viele Fotos, Zeitungsartikel, Bücher aus Keyserlings Bibliothek, seine Totenmaske sowie ein Abdruck seiner Hand runden den Bestand ab. Aufgrund der bedeutenden Persönlichkeit des Grafen Keyserling und seines geistigen Umfelds sowie der Gründung der „Schule der Weisheit“ in Darmstadt ist der Nachlass eine Fundgrube für die Geistes- und Kulturgeschichte.