Glockenspiel

Das Darmstädter Glockenspiel

Geschichte: Kriegszerstörung und Neuanfang, Spielautomatik-Liedprogramm-neue Glocken, Glockenspiel heute

Aufgrund der Neueinrichtung der Glockenspiel-Steuerung ist es nun möglich, das gesamte Liedprogramm eines Monates bzw. kirchlichen Festes abzuspielen anstatt, wie bisher, nur ein ausgewähltes Liedpaar. Die Wiedergabe ist nach dem Zufallsprinzip („random“) programmiert, d.h. zur vollen Stunde kann jedes der 4 geistlichen , zu halben Stunde jedes der 4 Volkslieder erklingen. Das gesamte Jahresprogramm zum Download als pdf-Datei

Geschichte und Gegenwart

  • Landgraf Ludwig VI. von Hessen-Darmstadt
  • Glockenspiel in einer Darstellung des 17. Jh.
  • Der Glockenturm in einer Darstellung des 18. Jh.
  • Glockenspiel-Notensatz auf Kopie eines zeitgenössischen Blattes

Geschichte bis zum zweiten Weltkrieg

1670/71 beauftragte Landgraf Ludwig VI. von Hessen-Darmstadt, im Zuge des Wiederaufbaus der Residenz nach dem 30jährigen Krieg, den Uhrmacher Pieter van Call und den Glockengießer Pieter Hemony aus Amsterdam, ein Glockenspiel nach niederländischem Vorbild für seinen neuerrichteten Schloßturm zu bauen. Der Landgraf, ein leidenschaftlicher Büchersammler, war durch eine Abbildung in einem Amsterdamer Druck auf die Möglichkeit eines spielbaren Glockenspiels aufmerksam geworden; Glockenspiele dieser Art waren im 16. und 17. Jahrhundert vor allem in den Niederlanden und in Norddeutschland verbreitet. Eine Ausnahme bildete das Glockenspiel auf dem Turm der Mainzer Liebfrauenkirche (1793 zerstört), das der Landgraf seinen Baumeister auch als Anschauungsobjekt besichtigen ließ. Die eigentliche Anregung kam jedoch aus Amsterdam, von den Glockenspielen der Oude Kerk (Alte Kirche) sowie des Börsenturmes.

Am 1. Oktober 1671 waren die 28 Glocken aus der Amsterdamer Werkstatt im Glockenturm aufgehängt, und es begann die lange Geschichte des Darmstädter Glockenspiels als eines eng mit dem Leben der Residenzstadt verknüpften Instruments.

In den folgenden Jahrhunderten diente es vor allem der Repräsentation des Hofes, indem es sowohl im automatischen Spiel regelmäßig mit wechselnden (vornehmlich geistlichen) Liedern erklang, als auch zu besonderen Gelegenheiten des Fürstenhauses (Geburt, Tod, Jubiläen u. dergl.) passende Lieder bereithielt.

  • Der Glockenturm nach dem Bombenangriff 1944
  • Anfänge des Wiederaufbaus
  • Eintreffen der neuen Glocken 1951
  • Die Bevölkerung bewundert die neuen Glocken

Kriegszerstörung und Neuanfang

Nachdem es von 1938 an von den Nationalsozialisten in ihrem Sinne benutzt worden war (damals spielte es zur vollen Stunde das Deutschland-, zur halben das Horst-Wessel-Lied), fiel es dem ersten verheerenden Bombenangriff auf Darmstadt im September 1943 zum Opfer.

Bereits 1949 wurde mit den Planungen zum Wiederaufbau des Glockenspiels begonnen. In einer großangelegten Aktion aus Sammlungen und Benefizveranstaltungen beteiligten sich seit 1951 die Darmstädter Bürger an der Aufbringung der nötigen Geldmittel, die schließlich zur Herstellung von 21 neuen Glocken durch die Glockengießerei Gebr. Rincker in Sinn ausreichten.

Am 29. November 1951 trafen die fertigen neuen Glocken in Darmstadt ein, und am 16. Dezember konnte das restaurierte Glockenspiel zum ersten Mal wieder erklingen.

  • Die Automatik unter dem Spieltisch mit Papierwalze
  • Der Eingabe-PC zur Auswahl der Lieder für das automatische Spiel
  • Nahansicht des Glockenspiels
  • Innenansicht der Glocken

Die Spielautomatik

Im Zuge des Wiederaufbaus wurde auch eine neue, elektrische automatische Steuerung von der Turmuhrenfabrik Korfhage gebaut, bei der die verschiedenen Lieder auf papiernen Lochstreifen niedergelegt waren. (Obwohl die Steuerung mittlerweile durch Computerelektronik ersetzt wurde, ist die damalige Automatik noch voll funktionsfähig, und auch die Fa. Korffhage ist nach wie vor für die Wartung der mechanischen Teile des Glockenspiels verantwortlich.)

Das Liedprogramm

Seit dieser Zeit besteht die Tradition, zur vollen Stunde ein – jeweils zur Zeit des Kirchenjahres passendes – geistliches, zur halben Stunde ein weltliches, der Jahreszeit gemäßes Lied spielen zu lassen, die bis heute mit dem damals aufgestellten Repertoire aus 4 Jahrgängen mit Liedkombinationen im monatlichen Wechsel fortgeführt wird. Für dieses Nachkriegsprogramm komponierten die Damstädter Musiker (zwei von ihnen waren Stadtkirchenkantoren) Wilhelm Borngässer, Friedrich Noack und Hermann Unger auf der Grundlage bekannter Kirchen- und Volksliedmelodien diese Jahrgänge mit je 2 Liedpaaren pro Monat und kirchliches Fest, die noch heute vom Turm erklingen.

Neue Glocken kommen hinzu

1960 konnte, auf Kosten des Landes, die Anzahl der Glocken auf 27 erhöht werden. Zugleich wurde ein zweimanualiger Spieltisch eingebaut, der fortan – ebenfalls bis heute – die Möglichkeit individuellen Spiels auf den Glocken zuließ.

1981 war es aufgrund einer Spende des Heimatvereins Darmstädter Heiner zudem möglich geworden, drei weitere Glocken hinzuzufügen, womit der heutige Stand von 30 Glocken erreicht war.

Die Computersteuerung

Ab 1982 wurde ein neues Kapitel der automatischen Steuerung des Glockenspiels aufgeschlagen: Studierende des damaligen TU-Institutes für Elektroakustik und Übertragungstechnik bauten, unter der Leitung von Prof. Karl Hofmann und Dr. Jürgen Ohrnberger in mehreren Etappen eine Computersteuerung für Glocken und Uhr, die seitdem Bestand hat. Der monatliche Wechsel der Liedkombinationen erfolgt nunmehr durch Auswahl des im Computer vorgehaltenen Bestandes an Liedern, wobei der Spielzeitpunkt nach Belieben bestimmt werden kann.

Am 7. Dezember 2010 konnte die Runderneuerung der Glocken, ihrer Aufhängungen, der Anschlagshämmer in Kombination mit einer aktuellen Erkenntnissen und Erfordernissen angepassten, neuen Computersteuerung feierlich begangen werden. Sie ist das Ergebnis eines vielfältigen Engagements in finanzieller und organisatorischer Hinsicht. Die ebenso bewährte wie vorbildliche Tradition des bürgerlichen und institutionellen Einsatzes für das Glockenspiel wurde fortgesetzt mit einer konzertierten Aktion von TU-Präsidium, -Freunden und Baudezernat, dem Rotary-Club und der Baurunde GmbH, welche es möglich machte, die Königliche Glockengießerei der Niederlande, Petit en Fritsen, Nachfolger der historischen Erbauer des Darmstädter Glockenspiels, mit der umfassenden Renovierung der Glocken und ihrer Steuerung zu beauftragen.

Das Darmstädter Glockenspiel

Das Glockenspiel heute

Seit Beginn der 80er Jahre wird das Glockenspiel vom Leiter/der Leiterin der Musikabteilung der ULB betreut, eine Aufgabe, die durch die hervorragende Funktionalität der Computersteuerung leichter geworden ist.

Nach wie vor werden im monatlichen Wechsel halbstündig die vom Zeitpunkt des Kirchenjahres sowie der Jahreszeit bestimmten Lieder gespielt.

Literatur und CDs zum Glockenspiel

* Bill, Oswald: Vom Glockenguß zum Glockenspiel. Darmstadt (Carl Schenck AG) 1988.

* Ders.: Das Darmstädter Glockenspiel. Darmstadt (Roether) 1994.

* Das Darmstaedter Glockenspiel spielt Weihnachtslieder. Darmstadt: Subwave, P 1996. (CD) Enth. u.a.: Macht hoch die Tuer. Der Morgenstern ist aufgedrungen. Maria durch ein Dornwald ging. Interpr.: Boltz, Andreas (Glockenspiel). Collegium Cantorum . Bill, Oswald [Ltg]

* Glockenspiel und Chormusik zur Weihnachtszeit. Darmstadt: Subwave, P 1998. (CD). Enth. u.a.: Wie soll ich dich empfangen. Uns ist ein Kindlein heut geborn. Der Tag der ist so freudenreich. Interpr.: Boltz, Andreas (Glockenspiel). Collegium Cantorum . Bill, Oswald [Ltg