Zwischen Recht und Ritual

Zwischen Recht und Ritual

'Verfassungsdokument' und 'Grundgesetz'?

Eine weitere Urkunde Kaiser Karls IV.
Eine weitere Urkunde Kaiser Karls IV.
Ältere Rechtstexte: der Sachsenspiegel
Ältere Rechtstexte: der Sachsenspiegel
Ältere Rechtstexte: der Schwabenspiegel
Ältere Rechtstexte: der Schwabenspiegel
Die Liturgie zur Krönung in Aachen
Die Liturgie zur Krönung in Aachen
Die Erz-Hofämter der Kurfürsten
Die Erz-Hofämter der Kurfürsten
Die Kurwürde in erzbischöflichen Siegeln
Die Kurwürde in erzbischöflichen Siegeln
Rezeption in der Chronistik
Rezeption in der Chronistik
Rezeption im Zeitalter des Buchdrucks
Rezeption im Zeitalter des Buchdrucks
Rezeption im 18. Jahrhundert
Rezeption im 18. Jahrhundert

Die Goldene Bulle hat wenig mit einer ‚Verfassung‘ oder einem ‚Grundgesetz‘ des Reiches im modernen Sinn zu tun. Sie kodifizierte ältere Rechte und Traditionen, mit denen das Wahlverfahren und die Mehrheitswahl des Reichsoberhauptes durch die wichtigsten Glieder des Reiches, die sieben Kurfürsten, geregelt wurden. Ferner legte sie die Rechte (wie Immunität, Münzrecht, Zollrecht, Rechtsprechung, Judenregal), die Erblichkeit und Unteilbarkeit der Kurfürstentümer fest und untersagte Bündnisse, außer solchen für die Herstellung des Landfriedens. Im Bewusstsein der Zeitgenossen umfasste die Goldene Bulle kaiserliches Recht.

Ähnliche Vorstellungen vom Wahlrecht der Reichsfürsten finden sich bereits in älteren Rechtsbüchern wie dem Sachsenspiegel (1220-1235: noch ohne den böhmischen König) und dem Schwabenspiegel (um 1275: exklusives Wahlrecht von sieben Kurfürsten). Ein siebenköpfiges Kurfürstenkollegium wird auch in einer um 1340 entstandenen Bilderhandschrift des Erzbischofs Balduin von Trier bei der Wahl König Heinrichs VII. gezeigt, obwohl der König von Böhmen der Wahl im Jahre 1308 ferngeblieben war.

Im Mittelpunkt stand die Inszenierung der Verfasstheit des Reiches bei der Wahl in Frankfurt, der Krönung des Gewählten in Aachen und bei gemeinsamen Auftritten der Kurfürsten. In der Folge erwiesen sich diese Bestimmungen als stabilisierend für das Reich: Das Kurfürstenkollegium trat z.B. gemeinsam im Zusammenhang mit der Huldigung der Burg Friedberg für Karls IV. Sohn Wenzel als König 1376 in Erscheinung, wie eine Urkunde belegt, setzte diesen 1400 wegen Unfähigkeit allerdings auch wieder ab. Liturgische Handschriften vom Krönungsritual in Aachen zeugen ebenso davon wie die Einführung des Kurfürstentitels auf der Siegelumschrift der geistlichen Kurfürsten im 15. Jahrhundert.

Die zeremonielle Inszenierung des Reiches als Zusammenwirken von König und Kurfürsten blieb trotz einiger Veränderungen lang geübte Praxis. Der späte Nachdruck (1697) einer Prachthandschrift der Goldenen Bulle von König Wenzel mit Miniaturen (um 1400), welche die Kurfürsten beim zeremoniellen Ausüben ihrer Erzämter zeigen, spricht ebenso dafür wie eine Karte der frühneuzeitlichen Wahl- und Krönungsstadt Frankfurt (um 1712) mit einer Krönungsszene. Während Zeitgenossen wie Johann Wolfgang von Goethe diese Rituale nur mehr als Sinnbild vergehender Größe wahrnahmen, blieb die Goldene Bulle bis zum Ende des Reiches 1806 für das Reich und die Kurfürsten von großer rechtlicher Bedeutung.

Gerrit Jasper Schenk