Thülemeyer

Heinrich Günther von Thülemeyer: Copia MSti Aureae Bullae Carolinae […]

[Frankfurt 1697]

VD17 3:309958V

Im Jahre 1697 erschien, mit kaiserlichem Druckprivileg über fünf Jahre versehen, bei dem Buchhändler Johann Melchior Bencard (1652-1711/12) in Frankfurt ein großer Folioband mit einem ersten Faksimile – freilich nur entsprechend den Möglichkeiten der Zeit in schwarzweiß und mit Kupferstichen – einer ganz besonderen Version der Goldenen Bulle: der handschriftlichen ‚Prunkausgabe‘ der Goldenen Bulle, die um 1400 für den Sohn und Nachfolger Karls IV., König Wenzel, als Abschrift des böhmischen Exemplars der Goldenen Bulle (mit weiteren Texten) entstanden und von Prager Buchmalern mit sehr kunstvollen Fleuronnée-Initialen und Miniaturen versehen worden war. Es ist nicht klar, warum König Wenzel diese Prachtausgabe herstellen ließ, doch wird in der Forschung vermutet, dass ein politischer Zusammenhang mit seiner am 20. August 1400 durch die vier rheinischen Kurfürsten erfolgten Absetzung besteht.

Herausgeber des Bandes war der Heidelberger Geschichtsprofessor und promovierte Jurist Heinrich Günther von Thülemeyer (um 1642-1714), 1691 von Kaiser Leopold I. geadelt und seit der Zerstörung Heidelbergs 1693 in Frankfurt wohnhaft. Über seine Kontakte zum Kaiserhof erbat er Wenzels Handschrift nach Frankfurt und ließ eine zeilengenaue Kopie des Textes der Goldenen Bulle anfertigen. Die Miniaturen ließ er von dem für seine Kartenwerke bekannten Mainzer Kupferstecher Nikolaus Person (1648-1710) kopieren, die Fleuronnée-Initialen jedoch im Stil des 17. Jahrhunderts setzen. Zusammen mit einer deutschen Übersetzung der Goldenen Bulle und Traktaten zum rechtlichen Kontext wurde dieses unfoliierte ‚Faksimile‘ in zwei Ausgaben gedruckt (Darmstädter Exemplar: VD17 3:309950K; ferner VD17 23:318144P), scheint also auf ein breiteres Interesse gestoßen zu sein.

Der Herzog von Sachsen übt sein Hofamt als Marschall aus, indem er die Ausgabe von Hafer überwacht.
Der Herzog von Sachsen übt sein Hofamt als Marschall aus, indem er die Ausgabe von Hafer überwacht.
Das Königspaar wird von den Kurfürsten als Mundschenk, Vorschneider, Truchsess und Kämmerer bedient.
Das Königspaar wird von den Kurfürsten als Mundschenk, Vorschneider, Truchsess und Kämmerer bedient.

Die recht genau abgekupferten Miniaturen setzen Details der Goldenen Bulle ins Bild. Kapitel 27 der Goldenen Bulle z.B. thematisierte Zeremonialvorschriften bei feierlichen Hoftagen. Die Kurfürsten hatten hier das Recht und die Pflicht, den König entsprechend ihren Reichsämtern zu bedienen, im Alltag eine Aufgabe des niederen Hofpersonals. So trug der Herzog von Sachsen als Erzmarschall des Reiches dafür Sorge, die Versorgung des königlichen Hofes mit Hafer sicherzustellen: Mit Kurfürstenhut auf dem Haupt und silbernem Stab in der Hand, reitet er vor das Thronpodest, um einen Scheffel Hafer abzumessen, während Untermarschall Pappenheim mit Dienern die eigentliche Arbeit besorgt [fol. 39v]. Auch das unter dem Segen der geistlichen Kurfürsten ausgeübte Amt des königlichen Vorschneiders [fol. 40r] wird gezeigt. An der Tafel der Königin dient als Mundschenk der König von Böhmen und ein Vorschneider, an der des Königs reicht der Pfalzgraf als Truchsess eine Schüssel, während der Markgraf von Brandenburg als Kämmerer ein Handtuch bereithält [fol. 42v]. Hier dienen zu dürfen, wird also als kurfürstliches Vorrecht inszeniert, auch wenn in der Praxis oft über Rang und Gang gestritten wurde.

Gerrit Jasper Schenk

Literaturhinweise:

Wolf, Armin: Die Goldene Bulle. König Wenzels Handschrift. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Codex Vindobonensis 338 der Österreichischen Nationalbibliothek. Kommentar, Graz 1977; Thülemeyer, Heinrich Günter von: Die Kupferstichwiedergabe von Codex Vindobonensis 338. Copia manuscripti aureae bullae Caroli IV. Aureae bullae versio germanica 1697. Wolf, Armin: Die Goldene Bulle. König Wenzels Handschrift 1977. Mit 20 originalgetreuen Faksimile-Tafeln aus Codex Vindobonensis 338, Graz 1978 (Faksimile von Thülemeyer); Schwedler, Gerald: Dienen muß man dürfen oder: Die Zeremonialvorschriften der Goldenen Bulle zum Krönungsmahl des römisch-deutschen Herrschers, in: Die Welt der Rituale. Von der Antike bis heute, hrsg. von Claus Ambos (u.a.), Darmstadt 2005, S. 156-169; Schneidmüller, Bernd: Die Aufführung des Reichs. Zeremoniell, Ritual und Performanz in der Goldenen Bulle von 1356, in: Die Kaisermacher. Frankfurt am Main und die Goldene Bulle 1356-1806. Aufsätze, hrsg. von Evelyn Brockhoff/ Michael Matthäus, Frankfurt 2006, S. 76-92; Garnier, Claudia: Rang und Ritual. Das Verhältnis von König und Kurfürsten in der Goldenen Bulle, in: Kaiser Karl IV. (1316-1378) und die Goldene Bulle. Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, bearb. von Erwin Frauenknecht/ Peter Rückert, Stuttgart 2016, S. 26-36.