Siegel

Die Kurwürde in erzbischöflichen Siegeln

Die Goldene Bulle verbriefte den Erzbischöfen von Köln, Mainz und Trier gegenüber ihren Amtsgenossen im Episkopat des Alten Reichs einen gewichtigen Vorrang: Als geistliche Kurfürsten wählten Sie den König und nahmen wichtige zeremonielle Aufgaben bei der Krönung wahr.

Bei der Besiegelung von Urkunden in ihrem Amtsalltag als Erzbischöfe, Stadtherren oder Fürsten schienen die drei rheinischen Metropoliten ihrer besonderen Würde zunächst keine große Relevanz beizumessen: Erst im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts ging die Selbstbezeichnung als Kurfürst (princeps elector, in Siegelumschriften gewöhnlich im Genitiv – principis electoris) in die Umschrift ihrer Siegel ein. Zuerst ist dies in einem nicht datierten Siegel Adolfs II. von Nassau, Erzbischof von Mainz 1461-75, nachzuweisen, in den Siegeln der Metropoliten von Köln und Trier wenig später (1481 bzw. 1482).

Noch vor der Zugehörigkeit zum Kollegium der Kurfürsten wird das Erzkanzleramt des Reiches für Deutschland, Italien und Burgund, das im Spätmittelalter weitgehend ein Ehrenamt war, das die Inhaber vor allem mit der Beglaubigung feierlicher Königsurkunden ausübten, in den erzbischöflichen Siegeln vermerkt. Bereits 1238/39 führt der Kölner Erzbischof-Elekt Konrad von Hochstaden die Bezeichnung „archicancellarius“ im Siegel, doch greift er dies nach der Bestätigung seiner Wahl durch Papst Gregor IX. im April 1239 offenbar nicht wieder auf. Erst der Mainzer Erzbischof Werner von Eppstein bezeichnet sich 1262 im Siegel als Erzkanzler des Reiches für Deutschland (imperii per Germaniam archicancellarius), unter seinem Nachfolger Heinrich II. von Isny, erstmals 1286, wird dann die Heiligkeit des Reichs (sacri imperii – bzw. später sacri romani imperiiper Germaniam archicancellarius) standardmäßig erwähnt. Der erste päpstlich bestätigte Kölner Erzbischof, der die Erzkanzlerwürde (für Italien) in seinem Siegel erwähnt, ist 1298/1300 Wikbold von Holte. Vergleichsweise spät erscheint die Würde in den Siegeln der Trierer Metropoliten: Zuerst bezeichnet sich Boemund II. von Saarbrücken (Erzbischof von Trier 1354-1367) als Erzkanzler für Burgund (per Galliam bzw. später per Galliam et regnum Arelatense). Der historische Hintergrund dieser scheinbaren Verzögerung ist evident: Während die Erzbischöfe von Mainz und Köln schon seit 965 bzw. seit 1031 durchgängig (bzw. im Falle Kölns fast durchgängig) mit der Erzkanzlerwürde für Deutschland bzw. Italien betraut werden, erhielten die Trierer Erzbischöfe erst 1314 dieselbe Würde für Burgund. Erst nach diesem Zeitpunkt also konnte die Würde auch Eingang in die erzbischöflichen Siegel von Trier finden.

Siegel des Mainzer Erzbischofs Peter von Aspelt (1306-1320). Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Leonhardsstift: Urkunden und Akten 586 (neuzeitlicher Siegelabguss; Original vom 22. Juli 1317)
Siegel des Mainzer Erzbischofs Peter von Aspelt (1306-1320). Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Leonhardsstift: Urkunden und Akten 586 (neuzeitlicher Siegelabguss; Original vom 22. Juli 1317)
Siegel des Mainzer Erzbischofs Adolf II. von Nassau (1461-1475), erstmals mit Erwähnung der Kurwürde im Siegel. Stadtarchiv Mainz, Siegelsammlung, Zug. 1971/48 (neuzeitlicher Siegelabguss; Original undatiert)
Siegel des Mainzer Erzbischofs Adolf II. von Nassau (1461-1475), erstmals mit Erwähnung der Kurwürde im Siegel. Stadtarchiv Mainz, Siegelsammlung, Zug. 1971/48 (neuzeitlicher Siegelabguss; Original undatiert)

Die voll ausgebildete Umschrift im Siegel eines Metropoliten von Mainz, Köln oder Trier am Ende des Mittelalters beinhaltete also die Bezeichnung als Bischof der jeweiligen Erzdiözese, die Angabe des Erzkanzleramtes des Reiches für Deutschland, Italien oder Burgund sowie die Nennung der Kurwürde.

Björn Gebert

Literaturhinweise:

Rheinische Siegel, Bd. 1: Die Siegel der Erzbischöfe von Köln (948-1795), bearb. von Wilhelm Ewald, Bonn 1906, ND Düsseldorf 1993; Rheinische Siegel, Bd. 2: Die Siegel der Erzbischöfe von Trier (956-1795), bearb. von Wilhelm Ewald, Bonn 1910, ND Düsseldorf 1993; Die Siegel der Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz. Erzkanzler des Deutschen Reiches bis zum Jahre 1803, im Auftrage der Historischen Kommission für das Großherzogtum Hessen hrsg. von Otto Posse, Dresden 1914.