Schedelsche Weltchronik

Hartmann Schedel (1440-1514) – Liber chronicarum

Nürnberg, Anton Koberger, 1493

Erstbesitzer: Augustiner-Chorherrenstift Groß-Frankenthal (Pfalz)

ULB Darmstadt, Inc VI 14

GW M40784

fol. 183v-184r (bearbeitet): Die Reichsstände. In der obersten Reihe der Kaiser mit den ihn wählenden sieben Kurfürsten
fol. 183v-184r (bearbeitet): Die Reichsstände. In der obersten Reihe der Kaiser mit den ihn wählenden sieben Kurfürsten
fol. 229v-230v (bearbeitet): Die erste wirklichkeitsnahe Ansicht von Prag. Die Stadt war unter Kaiser Karl IV. Residenzort
fol. 229v-230v (bearbeitet): Die erste wirklichkeitsnahe Ansicht von Prag. Die Stadt war unter Kaiser Karl IV. Residenzort

Der Liber chronicarum, gemeinhin als Schedelsche Weltchronik bekannt, ist eines der bedeutendsten Druckwerke seiner Zeit. Es imponiert durch seine Größe im Folioformat, seinen Umfang sowie insbesondere durch die reichhaltigen Holzdruckillustrationen, die im ausgestellten Exemplar von Hand nachkoloriert wurden.

Konzipiert vom Nürnberger Arzt und Humanisten Hartmann Schedel, erzählt die an der christlichen Heilsgeschichte orientierte Universalchronik die Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zum Jahr 1492 und blickt auf das Jüngste Gericht. Sie berichtet über Kuriosa sowie Wundergeschichten und bietet geographische Informationen, die sich in zahlreichen (teils fiktiven) Beschreibungen und Holzschnitten von Regionen und Städten niederschlagen. Ein Beipiel ist die Stadtansicht von Prag: Sie zeigt die Alt- und Neustadt, die Kleinseite (Malá Strana), die Karlsbrücke, die von Karl IV. wiederaufgebaute Prager Burg und den noch im Bau befindlichen Veitsdom.

Die Chronik, die in Latein und in Deutsch erschien, entstand als Gemeinschaftsprojekt von Nürnberger Bürgern. Die Bestimmungen der Goldenen Bulle, die in Teilen in Nürnberg erarbeitet und proklamiert wurde, nehmen daher einen besonderen Platz in der Chronik ein. Nicht nur war die Reichsstadt Nürnberg zur Entstehungszeit des ‚Verfassungsdokuments‘ ein Hauptaufenthaltsort Karls IV. außerhalb Böhmens, 1423 bestimmte Kaiser Sigismund die Heilig-Geist-Kirche in Nürnberg zum Aufbewahrungsort der Reichsinsignien. Zu ihnen zählen unter anderem die Krone, das Zepter, der Reichsapfel und die Heilige Lanze. In der Krönungszeremonie wurden die Insignien an den erwählten Kaiser übergeben. Im präsentierten doppelseitigen Holzschnitt zu den Reichsständen kommt diese enge Verbindung Nürnbergs zum Reich und zum Kaisertum zum Ausdruck.

Das hier ausgestellte Darmstädter Exemplar der Chronik in lateinischer Sprache ist ein ‚lebendiger Zeuge‘ des Bauernkriegs. Aus dem Stift Groß-Frankenthal von plündernden Bauern 1525 geraubt, konnte es während der Pfeddersheimer Schlacht zwischen den Bauern und den Truppen der Kurfürsten von Trier und der Pfalz gerettet werden. Es fand sich dann bei Heidelberger und später Kölner Franziskanern wieder, bis es 1805 in den Bestand der Darmstädter Bibliothek überging.

Stephan Ebert/Kristin Zech

Literaturhinweise:

Franz, Eckhart: Spurensuche von der Pfeddersheimer Bauernschlacht bis zu Einhard und Imma. Die Bibliothek der Augustiner in Frankenthal und der Erbachische Hofmeister Johann Marquard, in: Landesgeschichte und Reichsgeschichte. Festschrift für Alois Gerlich, hrsg. v. Winfried Dotzauer (Geschichtliche Landeskunde, 42). Stuttgart 1995, S. 261-274; Posselt, Bernd: Konzeption und Kompilation der Schedelschen Weltchronik (MGH Schriften, 71). Wiesbaden 2015.