Sachsenspiegel

Kaiserliches Recht für alle – Sachsenspiegel-Auszüge

1. Hälfte des 15. Jahrhunderts

ULB Darmstadt, Hs 2667

fol. 316r: Schilderung der zeremoniellen Aufgaben, die den Kurfürsten als Inhaber der Erzämter bei der Königskrönung zukommen
fol. 316r: Schilderung der zeremoniellen Aufgaben, die den Kurfürsten als Inhaber der Erzämter bei der Königskrönung zukommen

Ermangelte dem Reich noch bis zur ,Goldenen Bulle‘ eine grundlegende Kodifikation herrscherlicher, einzelne Territorien übergreifender Rechtssatzungen, so waren schon im 13. Jahrhundert summarische Rechtsbücher (,Spiegel‘) entstanden, die unterschiedliche Traditionen des Gewohnheits-, des römischen wie des kanonischen Rechtes zusammenführten. Das wichtigste, weil wirkungsmächtigste, bald auch in ergänzten und teilweise bebilderten Fassungen umlaufende Werk dieser Gattung war der sog. ,Sachsenspiegel‘ des anhaltischen Schöffen Eike von Repgow (*um 1180/90, † nach 1233). Er besteht aus einem land- und einem lehnsrechtlichen Teil. Das Spektrum des Landrechts umschloss all das, was in moderner Auffassung als ,öffentliches Recht‘ anzusprechen wäre, fixierte somit auch den Verfassungsrahmen, also die das Reich konstituierenden Organe. Auch im ,Sachsenspiegel‘ wurde auf Anzahl, Rechte und Pflichten der Kurfürsten gegenüber dem Reich wie bei der Wahl und Herrschaftsausübung des Königs Bezug genommen.

Das geschah nicht allein in den Rechtsbüchern selbst: Diese konnten wiederum abschnittsweise Eingang finden in Kompendien des Heilswissens, die in katechetischer Absicht das Verhältnis von Gott, Welt und Gläubigen anschaulich zu bestimmen suchten. So vermittelten sie zwangsläufig auch das zeitgenössische Grundwissen zur irdischen Ordnung, ihren Normen und Lebensformen, die didaktisch-erbaulich und, mit bevorzugter Wendung schon an ein Laienpublikum, in der Volkssprache konzipiert und öfters auch ansprechend illustriert wurden. Eine herausragende Kompilation solchen Zuschnitts bildet die ›Tafel des christlichen Glaubens‹ des niederländischen Dominikaners Dirk van Delft (* um 1365, † nach 1404). Ihre weitere Ausstrahlung gibt sich in einer noch in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstandenen westdeutschen Bearbeitung zu erkennen, für die Hs 2667 einen der beiden erhaltenen Textzeugen bietet. Dieser Codex wie auch die Schwesterhandschrift (Bad Berleburg, Fürstlich Sayn-Wittgensteinsche Schlossbibliothek, A 170) verweisen auf die lothringische Adelsfamilie von Rodemachern (heute: Rodemack, Dép. Moselle/Frankreich) als Auftraggeber. Viel spricht dafür, dass Margarethe von Nassau, seit 1441 mit Gerhard von Rodemachern († 1486) verheiratet und als literarische Mäzenatin wie leidenschaftliche Büchersammlerin bekannt, hierzu den Anstoß gab.

Im vierten der insgesamt fünf Traktate schaltet die Darmstädter Handschrift 2667 drei Kapitel (54-56) einer ,Sachsenspiegel‘-Redaktion ein. In drei schönen großen Initialminiaturen werden die Legitimation kaiserlichen Rechtes (fol. 287r), mit Papst und Kaiser die beiden höchsten Repräsentanten geistlicher wie weltlicher Gewalt (fol. 299v) sowie auch der thronende Kaiser allein mitsamt den Insignien und flankiert von Wappenschild und Sturmfahne des Reiches vor Augen gestellt (fol. 313v).

fol. 287r: Vor zwei Kaisern als Legitimation des Sachsenspiegels stehen Rechtssuchende jeden Standes
fol. 287r: Vor zwei Kaisern als Legitimation des Sachsenspiegels stehen Rechtssuchende jeden Standes
fol. 313v: Thronender Kaiser, flankiert von gerüsteten Fahnen mit Wappenschild und Sturmfahne des Reiches
fol. 313v: Thronender Kaiser, flankiert von gerüsteten Fahnen mit Wappenschild und Sturmfahne des Reiches

Volkhard Huth

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