Die Geschichte der Darmstädter Goldenen Bulle

Geflüchtet, entfremdet, gesichert

Die Geschichte der Darmstädter Goldenen Bulle

Ludwig X. ergreift Besitz vom Herzogtum Westfalen
Ludwig X. von Hessen-Darmstadt ergreift Besitz von Westfalen
Die Goldene Bulle wird nach Darmstadt gesendet
Die Goldene Bulle wird nach Darmstadt gesendet
!/2 Stüber-Münzen mit Abrieben
Besitzergreifung qua Münzprägung
Westfälischer Landständepokal - heute im HLM Darmstadt
Nicht nur die Goldene Bulle ließ Ludwig aus Westfalen nach Darmstadt verbringen
ULB Darmstadt, B Oh 83
Die Kölner Suche nach der Bulle 1866

Als zentraler Verfassungstext des Alten Reiches erfreute sich die Goldene Bulle in der Frühen Neuzeit zahlreicher Publikationen und staatsrechtlicher Kommentare. Erst die militärischen und politischen Entwicklungen in Folge der Französischen Revolution führten zu einer ernsthaften Bedrohung sowohl der verfassungsmäßigen Ordnung wie auch der urkundlichen Überlieferung der Goldenen Bulle. Der Vormarsch der französischen Truppen zwang die geistlichen Kurfürsten zur Aufgabe ihrer Metropolen und Flüchtung der Mobilien in vermeintlich sichere Landesteile auf dem rechten Rheinufer. 1794 wurden die Schätze der Kölner Domkirche, die Dombibliothek, Handschriften des Domkapitels, aber auch die weltlichen Archive aus der Bonner Residenz auf eine ungewisse Reise geschickt. Auf abenteuerlichen Wegen gelangte das Fluchtgut in Teilen u.a. nach Prag, Frankfurt und nicht zuletzt nach Arnsberg in die Hauptstadt des kurkölnischen Herzogtums Westfalen.

Doch auch dort war die Kölner Herrschaft nur noch von kurzer Dauer: Der Frieden von Lunéville bestimmte 1801 die Säkularisierung der Reichskirche zur Entschädigung linksrheinischer Gebietsverluste der weltlichen Herrschaften. Noch bevor der Reichsdeputationshauptschluss 1803 die Neugliederung staatsrechtlich fixierte, erklärte Landgraf Ludwig X. von Hessen-Darmstadt am 6. Oktober 1802 die Besitzergreifung des Herzogtums Westfalen. Der äußerst vielseitig interessierte Landesherr sammelte weit über die Landesgrenzen hinaus Kunst und Kulturgut und ließ u.a. die Kölner Dombibliothek, den Arnsberger Landständepokal und die Goldene Bulle nach Darmstadt bringen.

Bereits 1815 war das Ende der hessischen Herrschaft in Westfalen besiegelt. Preußen übernahm die Provinz – die Sammlungen verblieben jedoch in Hessen. Erst der preußische Sieg 1866 ermöglichte die Rückgabe zumindest der Dombibliothek nach Köln. Als der beauftragte Domkapitular Johann Wilhelm Frenken auch nach der Goldenen Bulle fahndete, wurde ihm ein Privileg Karls. IV. für Friedberg mit anhängendem Goldsiegel gezeigt. Die hessischen Beamten beteuerten, eine andere „goldene Bulle“ habe man nie besessen. Da Frenken nicht wusste, ob die Goldene Bulle vor 1794 tatsächlich in der Kölner Dombibliothek aufbewahrt worden war, die Vereinbarungen des Friedensvertrages sich aber nur auf die Bibliothek bezogen, insistierte er nicht weiter. Die Bulla aurea blieb in Darmstadt. Sie ist heute die einzige der sieben erhaltenen Originalausfertigungen, die in einer Bibliothek aufbewahrt wird.

Andreas Göller / Ulrike Spyra