Fragmente

Fragmente aus dem Einband der Goldenen Bulle

Köln 14 Jh. Mitte (I/ VI, IX/ XIV, X), 14. Jh. Anfang (II-V), 14. Jh. 3. Drittel (XI, XIII)

Leder und Pergament, 3 Fragmente mit juristischen Texten, 6 Fragmente von zwei Einbanddecken

ULB Darmstadt, Hs 3065a

Der Einband der Darmstädter Goldenen Bulle enthielt als Deckeleinlage ältere Pergament- und Lederfragmente. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts waren diese aus dem Lederumschlag herausgetreten und offen sichtbar. 1966 wurden sie deshalb ausgelöst und unter der Signatur Hs 3065a in Mappen gesichert. Im vorderen Deckel befanden sich die Fragmente I – VI; im hinteren Deckel die Fragmente XIV, X, XI, XII, XIII, IX (jeweils in der hier genannten Reihenfolge).

Bei den Fragmenten I/VI, IX/ XIV und X handelt es sich um drei an den Rändern beschnittene, einseitig beschriftete Pergamentstücke aus der Mitte des 14. Jahrhunderts mit zivilrechtlichen Texten. Im Mittelpunkt dieser Texte steht die Regelung von Besitz- und Nachlassfragen. Personen- und Ortsnamen wie villa Winkilhusen (Winkelhausen) oder de Calcheym (Kalkum), beide heute Stadtteile von Düsseldorf, verweisen auf den niederrheinischen Raum um Köln. Vermutlich sind es nicht mehr benötigte Akten einer Anwaltskanzlei oder eines Notariats.

Hs 3065a
Fragmente IX und XIV
Hs 3065a
Fragmente I und VI

Ferner enthielten die Deckel sechs Lederfragmente von zwei z.T. nur wenig älteren Einbanddecken:

Die im Vorderdeckel eingebundenen Fragmente II-V aus hellem Kalbsleder gehörten ursprünglich zu einem Schmalfolioband, der mit Langschließen verschlossen und mit einer Buchkette am hinteren Deckel vor Diebstahl gesichert wurde. Zum Schutz seiner aufwendigen Verzierung war er ferner mit Beschlägen an den Ecken und in der Mitte ausgestattet. Beschläge, Schließen und Kette haben deutliche Abdruckspuren hinterlassen. Das Leder ist üppig mit Streicheisenlinien und Einzelstempeln verziert. Neben vegetabilischen Motiven umfasst das Repertoire der Stempel auch Tierdarstellungen, z.B. die eines Löwen und eines Greifs. Die Stempelmotive lassen sich auf den Anfang des 14. Jahrhunderts datieren. Die reiche Ausstattung des Einbandes deutet darauf hin, dass er um eine repräsentative Handschrift von großem Wert gebunden war.

Hs 3065a
Fragment V: Vorderseite
Hs 3065a
Fragment V: Rückseite

Im hinteren Deckel befanden sich ferner zwei Teile aus dunkelbraunem Ziegenleder einer weiteren Einbanddecke (Fragmente XI und XIII). Auch dieser Lederbezug war, wie die Abdrücke der Beschläge belegen, ursprünglich um eine andere Handschrift gebunden. Er ist ebenfalls reich mit Streicheisenlinien und Einzelstempeln dekoriert. Außergewöhnlich ist, dass es sich bei den Stempeln um die gleichen handelt, die auch auf dem Einband der Goldenen Bulle zu finden sind: zwei nebeneinander in einem Rechteck angeordnete Vierpässe sowie jeweils in einem im Kreis stehenden Vierpass – ein nach rechts steigender Löwe und ein nach links steigender Greif. Beide Einbände stammen somit vom gleichen Buchbinder bzw. aus der gleichen Buchbinderwerkstatt, die wohl über einen längeren Zeitraum im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts in Köln tätig war. Dieser „Meister der Goldenen Bulle“ hat ferner sehr ähnliche Einbände angefertigt wie ein zweiter, zeitgleich ebenfalls in Köln tätiger Buchbinder – der „Meister des Kölner Eidbuches von 1372“.

Hs 3065a
Fragment XIII: Vorderseite
Hs 3065a
Fragment XIII: Rückseite

Ulrike Spyra

Literaturhinweise:

Schmidt, Adolf: Der Einband der Goldenen Bulle von 1356 in der Landesbibliothek zu Darmstadt, in: Buch und Bucheinband. Aufsätze und graphische Blätter zum 60. Geburtstag von Hans Loubier, Leipzig 1923, S. 105-117; Knaus, Hermann:, Einbandstempel des 14. Jahrhunderts, zuerst erschienen in: Festschrift für Ernst Kyriss, Stuttgart 1961, S. 55-71; erneut gedruckt in: Knaus, Hermann: Studien zur Handschriftenkunde. Ausgewählte Aufsätze, München u. a. 1992, S. 223-234; Von der Goldenen Bulle zur Ernst Ludwig Presse. Einbände aus sieben Jahrhunderten in den Sammlungen der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Handreichung zur Ausstellung. 20. Jahrestagung des Arbeitskreises für die Erfassung, Erschließung und Erhaltung historischer Bucheinbände vom 8. bis 10. Oktober 2015 in der Hessischen ULB Darmstadt, Berlin 2015, Nr. 01.1.