Besitzergreifungspatent

Besitzergreifung vom Herzogtum Westfalen

Besitzergreifungspatent, Darmstadt 6. Oktober 1802

Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Bestand E 3 A Nr. 57/30

Ludwig X. ergreift Besitz vom Herzogtum Westfalen
Landgraf Ludwig X. nimmt am 6. Oktober 1802 offiziell das Herzogtum Westfalen in Besitz. Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt

Die Französische Revolution veränderte die politische Landkarte Europas: Aus dem Zweiten Koalitionskrieg als Sieger hervorgegangen, konnte Frankreich sein Staatsgebiet deutlich vergrößern. In den Verträgen von Basel mit Preußen 1795 bzw. von Campo Formio mit Österreich 1797 erreichte die Republik die Anerkennung der Rheingrenze seitens der beiden deutschen Führungsmächte. Für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bedeutete dies die Aufgabe traditionsreicher Kerngebiete. Die Reichsstädte Köln, Aachen, Worms und Speyer wurden ebenso französisch wie die Kathedral- und Residenzstädte der drei geistlichen Kurfürsten von Mainz, Köln und Trier. Da auch weltliche Herrschaften betroffen waren – u.a. Österreich in den Niederlanden, Preußen und Bayern im Rheinland sowie weitere Reichsstände im Elsass und am Oberrhein – fassten die Vertragspartner den Plan, die linksrheinischen Verluste durch die Säkularisation der geistlichen Herrschaftsgebiete im Reich auszugleichen. Zeitweilig schien es, als könne ein nach Rastatt einberufener Kongress die Frage der territorialen Entschädigung klären, doch konnte nach der Wiederaufnahme von Kriegshandlungen 1799 keine Einigung mehr erzielt werden. Mit dem Friedensschluss von Lunéville akzeptierte das Reich 1801 die zuvor schon von Preußen und Österreich konzedierte Grenzverschiebung Frankreichs und verpflichtete sich zu Säkularisation und territorialer Neuordnung.

Damit waren die geistlichen Herrschaften aus der Reichspolitik herausgedrängt. An der Reichsdeputation zur Umsetzung der Vertragsbestimmungen und den Abstimmungen im Reichstag hatten sie keinen Anteil mehr. Nur der Mainzer Kurfürst konnte sich unter veränderten Bedingungen behaupten und bis zum Ende der napoleonischen Zeit eine aktive politische Rolle einnehmen.

Noch vor dem offiziellen Reichsabschied – dem Reichsdeputationshauptschluss – begannen die weltlichen Herrschaften im Herbst 1802 mit der Übernahme ihrer zukünftigen Gebiete. Landgraf Ludwig X. von Hessen gehörte zu den Gewinnern: Als Entschädigung für die Grafschaft Hanau-Lichtenberg (um die Mittelpunkte Pirmasens und Buchsweiler) erhielt er das kurkölnische Herzogtum Westfalen. Für die Bevölkerung des Landes bedeutete dies einen radikalen Umbruch. Der Herrschaftsübergang erfolgte mit der Macht des Faktischen. Das Land wurde militärisch besetzt und die Bevölkerung durch das hier gezeigte Besitzergreifungspatent offiziell informiert. Die Untertanen wurden aus dem Treueverhältnis zu ihrem bisherigen Landesherrn entlassen und auf die neuen Verhältnisse verpflichtet. Zugleich bekundete der Landgraf den Eintritt in die Rechte seines Vorgängers und bekräftigt damit die Kontinuität der obrigkeitlichen Herrschaft.

Andreas Göller

Literaturhinweise:

Zuflucht zwischen den Zeiten 1794-1803. Kölner Domschätze in Arnsberg, hrsg. von Michael Gosmann (Städtekundliche Schriftenreihe über die Stadt Arnsberg 19), Arnsberg 1994; Hessen im Rheinbund. Die napoleonischen Jahre 1806-1813, hrsg. von Katharina Schaal, Darmstadt 2006.