Geschichte Handschriften

Zur Bestandsgeschichte der Handschriftenabteilung

Handschriften aus dem Kloster St. Jacob in Lüttich
Handschriften aus dem Kloster St. Jacob in Lüttich

Wie es bei den meisten Bibliotheken mit bedeutenden mittelalterlichen Handschriftenbeständen der Fall ist, rührt auch der Bekanntheitsgrad der Darmstädter Handschriftensammlung in der Hauptsache von dem nach 1803 übernommenen Klosterbesitz her, dem die Bibliothek eine große Zahl ihrer bedeutendsten Handschriften und Frühdrucke verdankt.

Zwar hatten die Landgrafen vor 1800 Bücher gesammelt, dies waren jedoch vor allem Drucke, also die Literatur der damaligen Zeit, und nur wenige Handschriften, die sich in aufgekauften Bibliotheken einzelner Privatgelehrter befanden.

Den Großteil ihrer Schätze hat die Bibliothek somit jenen historischen Entscheidungen zu verdanken, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Klerus entmachteten und die über Jahrhunderte gesammelten und bewahrten Handschriftenbestände der Klöster an die Allgemeinheit in Gestalt der Landesbibliotheken übergaben. Daher rühren auch die umfangreichen Darmstädter Bestandsgruppen, die aus dem westdeutschen, genauer: dem westfälischen und dem Kölner Raum stammen, denn der westfälische Klosterbesitz wurde im Reichsdeputationshauptschluss 1803 dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt zugewiesen; historisch exakt handelte es sich hierbei um den Bereich des kurkölnischen Herzogtums Westfalen, der die Teile des Sauerlandes umfasste, die 1815 zu preußischem Territorium wurden.

Bildnis Baron von Hüpsch

Eine über die Säkularisationsbestände – die zur Geschichte auch anderer Landesbibliotheken gehören – hinausgehende Besonderheit des Darmstädter Bestandes an Handschriften und Inkunabeln, ist die von dem Kölner Baron von Hüpsch 1805 an Landgraf Ludwig X. (ein Jahr später Großherzog Ludwig I.) vermachte, bedeutende Büchersammlung, von der die große Zahl an Provenienzen aus dem Kölner Raums herrührt und die mit ca. 1000 Handschriften und noch mehr Inkunabeln einen maßgeblichen Bestandszuwachs für die Hofbibliothek bedeutete.

Die Klöster Südhessens, die nach 1803 ihren Besitz an die Darmstädter Bibliothek abgeben mussten, waren Seligenstadt (Benediktiner), Hirschhorn (Karmeliter), Bensheim, Dieburg (Kapuziner) und Wimpfen (Dominikaner); für Westfalen sind Grafschaft (Benediktiner), Bredelar (Zisterzienser), Meschede (adliges Damenstift), Wedinghausen (Prämonstratenser), Ewich (Augustinerchorherren) und Glindfeld (Kreuzherren) zu nennen.

Doppelseite aus dem Hitda-Codex
Doppelseite aus dem Hitda-Codex

Die bedeutendste Prachthandschrift südhessischer Provenienz ist das im Kloster Lorsch entstandene Seligenstädter Evangeliar; aus Westfalen stammen u.a. zwei der wertvollsten Handschriften des Darmstädter Bestandes überhaupt: der Hitda- und der Gero-Codex, ersterer um 1000, letzterer noch um die Mitte des 10. Jahrhunderts entstanden.

Spätmittelalterliches Gebetbuch
Spätmittelalterliches Gebetbuch

Insgesamt besitzt die Bibliothek mehrere Handschriften des frühen Mittelalters, dagegen nur eine geringe Anzahl aus dem Hochmittelalter, während die Mehrheit der Bestände dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit angehört, so auch beispielsweise die beiden Nibelungen-Handschriften.

Illuminierte Prachthandschriften sind, wie in den meisten Sammlungen, in der Minderzahl, da diese Auftragsarbeiten waren und ohnehin nicht sehr zahlreich vorhanden sind. Die Mehrzahl besteht aus Gebrauchshandschriften der jeweiligen Zeit, also liturgische und Gebetbuchhandschriften aus dem theologischen Bereich sowie juristischen oder medizinischen Büchern.

Neben der naturgemäß überwiegenden lateinischen Sprache existiert eine größere Anzahl von deutschen und mittelniederländischen Handschriften; die Herkunft letzterer erklärt sich aus den Kölner Beständen des Barons Hüpsch. Die deutschen Handschriften stammen fast ausschließlich aus dem 15. Jahrhundert. Vereinzelt findet man deutsche Glossen innerhalb lateinischer Texte; außerdem sind einige Fragmente überliefert. Beide Arten bruchstückhafter Bestandsfelder bieten noch immer ein kaum abzuschätzendes Potential für genuine und weiterreichende Forschungen.